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Historischer Hintergrund


Zwischen 1798 und 1803 bestand in der Schweiz eine Staatsordnung nach französischem Vorbild. In dieser «Helvetischen Republik», in der Stadt und Land einander gleichgestellt und das Monopol der Zünfte gebrochen war, waltete das Berner Oberland als eigenständiger Kanton.
Die politisch schwierige Situation, die sich durch Staatsstreiche und den Kampf von Unitariern (Verfechtern des Einheitsstaats) und Föderalisten manifestierte, versuchte Napoleon 1803 mit der Mediationsakte zu stabilisieren. Das hatte insbesondere für die Landgebiete der ehemaligen Stadtkantone einschneidende Konsequenzen: Das Berner Oberland verlor seinen Status als Kanton und das politische Gewicht verschob sich wieder markant zu Gunsten der Stadtbevölkerung. Verständlich, dass sich insbesondere auf dem Bödeli Unmut regte.
Bild vom frühen Unspunnenfest
Steinstossen Schwinger
Unspunnenfest Steinstösser


Der Geist von Unspunnen


In dieser gespannten Situation versuchten die Berner Regierung und ihre Vertreter im Oberland alles, um Unruhen und Aufstände zu verhindern. Da kam die Idee eines gemeinsamen Fests im Geiste der Verbrüderung von Stadt und Land gerade recht.

«[…]einziger Zweck ist es, die alten einfachen Sitten und Freuden unserer Väter wieder unter uns aufleben und fortdauren [sic!] zu machen; neue Freundschaftsbande zwischen den verschiedenen Hirtenvölkern Helvetiens zu knüpfen, vorzüglich aber den, zwischen dem Bewohner der Landschaft und dem Einwohner der Städte jenes alte gegenseitige Wohlwollen und jene holde Einigkeit wieder keinem und blühen zu machen, welchen unser Vaterland Jahrhundertelang seine Kraft, seinen Ruhm und sein Glück zu danken hatte.»

Als Organisatoren des Fests amteten vier Bernburger, die alle vergleichsweise gute Beziehungen ins Berner Oberland unterhielten: Schultheiss Niklaus Friedrich von Mülinen, Oberamtmann Friedrich Ludwig Thormann, Historiker Franz Sigmund Wagner und Maler Franz Niklaus König.

Die ersten Unspunnenfeste


Das erste Unspunnenfest mit Umzug und Wettbewerben in Gesang, Schiessen, Schwingen, Steinstossen und Alphornblasen fand 1805 statt. Ursprünglich bestand die Idee, das Fest jährlich zu wiederholen. Das nächste Fest fand dann allerdings erst drei Jahre später im August 1808 statt. Obwohl die Feste hinsichtlich der Besucher als Grosserfolg galten (allein 1808 fanden sich über 5000 Besucher ein), erreichten sie die politischen Ziele ihrer Stifter nicht. Die Bevölkerung des Bödelis liess sich nicht besänftigen und nur wenige Jahre nach dem zweiten Unspunnenfest brachen Unruhen auf dem Bödeli aus.

Unspunnen und der Tourismus


Die Resonanz der Unspunnenfeste war gross – und zwar nicht nur im Inland. Dazu trugen nicht nur die umfassenden Werbemassnahmen im Vorfeld der Feste bei (die ersten ihrer Art im Übrigen), sondern auch die Berichte, die nach dem Fest entstanden. Bekannte Maler wie Elisabeth Vigee-Lebrun, Franz Niklaus König oder Johannes Stähli hielten ihre Unspunnen-Eindrücke in idyllischen Bildern fest und verbreiteten sie. Autoren von Reiseführern oder Schriftstellerinnen wie Madame Germaine de Staël verfassten Texte über das Unspunnenfest, die von weither Besucher anlockten, welche den Festplatz mit eigenen Augen sehen wollten. So ist es keineswegs übertrieben, wenn Unspunnen als Beginn des eigentlichen Fremdenverkehrs auf dem Bödeli und im gesamten Berner Oberland bezeichnet wird.

Die weiteren Feste


Erst hundert Jahre später, zur «Belebung der Saison» im Juni 1905, fand das nächste Unspunnenfest statt. Der touristische Boom, den die ersten Feste ausgelöst hatten, fand mit den beiden Weltkriegen ein jähes Ende. Und obwohl sich in den Jahren 1925/26 findige Hoteliers und Wirte um eine Neuauflage des Unspunnenfests bemühten, fand die nächste Durchführung erst wieder 1946 statt – immer noch überschattet von den Kriegsjahren und mit dem Wunsch eines Bekenntnisses zu Schweiz, Heimat und Einigkeit. Die Feste von 1955 und 1968 standen im Zeichen einer sanften Modernisierung: Neue Lieder, neuzeitliche Inszenierungen und künstlerische Interpretationen waren gefragt. In den 80er- und 90er-Jahren zementierte das Unspunnenfest seinen Status als mediales Grossereignis: 1981 waren 260, 1993 sogar mehr als 300 Medienschaffende vor Ort, um über den Folkloreanlass der Superlative zu berichten. 2005 hätte der 200. Geburtstag des Fests würdig gefeiert werden sollen. Wegen der verheerenden Hochwasser in vielen Teilen des Landes musste das Fest um ein Jahr verschoben werden und fand erst 2006 statt – dafür gleich mit doppelter Festfreude.

Und dann noch dies...


  • Der beste Schütze am ersten Unspunnenfest von 1805, ein gewisser Johann Kaspar Beugger aus Aarmühle, war auf einem Auge blind...
  • Während des Fests von 1905 mussten die Bäcker am Sonntag melden, dass ihre Brotvorräte ausverkauft seien...
  • Der Böllerschuss, der den Umzug 1946 hätte einläuten sollen, fiel nicht. Eine Maus hatte die Zündschnur durchgenagt...
  • Die Teilnehmer am Fest von 1968 kämpften nicht nur gegeneinander, sondern insbesondere gegen eine schreckliche Wespenplage...
  • Der «Menschendoktor» Dr. Bendicht Horn hatte während des Unspunnenfests 1981 einen besonderen Patienten: Am Rande des Fests gipste er einem Reh das Bein ein. Das Tier war vor lauter Schreck über die vielen Besucher am Rugen über einen Fels in die Tiefe gesprungen...



Quelle: Rudolf Gallati und Christoph Wyss (2005): «Unspunnen 1805–2005. Die Geschichte der Alphirtenfeste». Tourismuseum Unterseen.